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Aufbruch ins mediale Hinterland

Berlin

Als ich das letzte Mal in Berlin war, trieb Techno gerade zur Hochblüte aus. Viel Zeit verbrachte ich damals mit soziomusikalischer Feldforschung in aufgelassenen Kinosälen, gesperrten Tiefgaragen oder hippen Plüschclubs deren Adressen nur unter der Hand zu haben waren. Und nun, eine kleine Ewigkeit später, der erste kinderlose Kurzurlaub. Wieder zu zweit, nach 5 Jahren Elternschaft. Und gleichzeitig mein 50er.

Der begann Montag mittags, mit alten Freunden, in der mittlerweile legendären Bar25. Eine freakige Hippiekulisse am Spreeufer, wo in einem der Schuppen gut aufgelegt und mit dem Saxophon live performed wurde. Kameras sind dabei streng verboten und so hab ich mich nur getraut den Kerl am Eingang abzulichten.

Die Besetzer des Areals mussten sich dieser Tage nach jahrelangem Ringen der Stadplanierung geschlagen geben. Bald werden auch hier irgendwelche gesichtslose Mediatower stehen, wie in anderen Großstädten auch. Die Uniformität spürt man auch deutlich in den etablierten Stadtvierteln, wo es uns nur wenig hinzog, wenn gleich der Besuch im Cookies Cream schon etwas besonderes hatte.

Das Restaurant ist unfindbar in der Lieferantenzufahrt des Westin Grand Hotels versteckt. Wenn man sich nicht von der skurilen Szenerie hat abschrecken lassen, an überdimensionalen Kronleuchtern und Mülltonnen vorbei ist und durch einen dunklen Treppenaufgang nach oben navigiert hat, landet man in einem betonrohen Raum mit Spermüllmöbeln und hochweisser Tischdeko. Als erstes sieht man ein monumentales Gemälde auf dem Ficken steht. Das durfte ich aber auch nicht fotografieren. Das Essen war dafür sehr sexy. Kulinarisch, vegetarisch und überaus empfehlenswert.

Der Prenzlauer Berg hingegen zeigt sich charmant Bobo-esk, sehr hübsch mit ausreichend schicken Shops und Kunstgalerien. Zwischendurch aufgelockert durch Kleinode kreativen Schaffens.

Genial fand ich, wie sich die Volksbühne während der Sommerpause zeigt. Das Office for subversive Architecture hat an der Frontseite fünf zusätzliche, täuschend echte Säulen plaziert und sorgt damit für die totale Blickverschiebung. Die Installation hat den Titel “Eintritt frei”.

Unser Apartment hatte ich übrigens über Airbnb gebucht, und es hielt mehr als die Bilder ohnehin schon versprochen hatten. Eine Ruheoase im zweiten Innenhof eines Backsteingebäudes, wie daheim. Modernes Interieur, eine kleine Terasse, W-Lan, großer Flatscreen-TV, der Kühlschrank gefüllt mit Prosecco und Trinksemmeln. Es fehlte einfach an nichts.

Und vor der Tür: Friedrichshain, eine pulsierende Gegend, (noch) gut durchmischt mit revitalisierten Gebäuden und einer unpretentiösen und subversiven Strassenszene die ich mir so in Wien wünschen würde. Hier macht man einfach, ohne auf amtliches Wohlwollen zu warten. Das spürt man an jeder Ecke, wie hier im liebenswürdigen DVD-Verleih “Filmkunst” mit angeschlossenem Espressoausschank:

So siehts drinnen aus:

Ständig war ich der Meinung es liegt Geld auf der Strasse. Dabei handelte es sich aber um zahllose, in den Asphalt gepresste Kronenkorken, die das Sonnenlicht reflektierten. Ich war auch erstaunt, daß gefühlt jeder zweite Mensch nach Sonnenuntergang eine offene Bierflasche bei sich hat. Die Pfandflaschen werden nach deren Entleerung ordentlich an neuralgischen Plätzen abgestellt werden. In den noch späteren Abendstunden sieht man andere Menschen diese einsammeln. Mikroökonomie!

Bier scheint mir in Berlin einen ähnlichen Funfaktor zu haben wie hierzulande das Oxenkracherl. Für die Rund-um-die-Uhr Versorgung gibt es den Spätkauf, oder “Späti” wie die Berliner sagen. Hier gibt es alles, an jedem Eck und zu jeder Zeit. Und noch dazu in guter Atmosphäre.

Natürlich haben wir uns auch richtige Sehenswürdigkeiten angesehen, die East Side Gallery…

…oder das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ein Ort wo fotografieren sowieso sinnlos ist. Inmitten der über 2000 Betonstelen versinkt man in Bedeutungslosigkeit.

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Die fünf Tage vergingen im Flug. Auf der morgendlichen Fahrt zum Flughafen erhalten wir von unserem Taxifahrer noch einen historischen Abriß über den Werdegang Berlin, vom deutschen Reich, über die Weimarer Republik bis zur Teilung der Stadt und dem Fall der Mauer. So ein geschichtlicher Rundumschlag braucht natürlich seine Zeit. Ich bin mir ziemlich sicher, mit dem öffentlichen Bus wären wir schneller am Flughafen gewesen. Die Frage ob er aus Ost- oder Westberlin stammt beantwortet er mit “Süden” und kurz vor der Einfahrt nach Tegel sagt er dann plötzlich: “Aber jetzt erzählen sie mal. Wie ist eigentlich Österreich entstanden?”

Die Geschichte erzähle ich wenn ich wieder komme.

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